Saison 1992







Einpackendes Konzert und das Wunder Bachs

Der Chor Pardall gibt die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach in Zweibrücken

Eigentlich hatte "Der Chor Pardall" das Werk für die wiedergewonnene Saarbrücker Stiftskirche einstudiert. Aber deren Fertigstellung verzögert sich bekanntlich, und so erklang Bachs h-Moll-Messe in der Ludwigskirche. Das war nun schon die dritte Aufführung dort, und eine h-Moll-Messe in der benachbarten Jakobskirche liegt gerade ein Jahr zurück - eine stolze Bilanz für den Kunstsinn unserer Chöre. Denn diese Messe, das offenbarte erneut die Interpretation von Hannelotte Pardall, ist die großartigste, ebenso tief wie breit dimensionierte und auch technisch schwierigste Vokalkomposition Bachs. Ein Glück, sie singen und hören zu dürfen. Der Chor Pardall weiß das und schickte seinem Saarbrücker Konzert eine Aufführung der Messe in der Zweibrücker Alexanderkirche voraus. Dort war ich Premierengast.

Hannelotte Pardall, Gründerin und Leiterin dieses Chores und seit ein paar Jahren Professorin für Chorpädagogik an der Musikhochschule Hamburg, ist eine Vollblutmusikerin. Sicher setzte sie sich auseinander mit den unterschiedlichen Interpretations-Stilen, die unter Bach-Forschern und -Freunden gegenwärtig konkurrieren, und ganz sicher hörte sie sich extreme Interpretationen an. Ihnen eiferte sie nicht nach, sondern entschied sich für eine musikantische Wiedergabe, die packt, mitreißt, einem Schauer über den Rücken treibt und, nicht zuletzt etwas vom Wunder Bach vermittelt.

Ein paar Details nur: Das erste Kyrie ließ sie wie eine dickbalkige Überschrift singen, legato und mit viel Kraft; im Gratias schien es, als öffne sich die Wolkendecke und gebe gleißendes Sonnenlicht frei; das Credo meißelten die fünf Chorgruppen gleichsam aus hartem Stein; und im Resurrexit hatte man den Eindruck, als überstürzten such Freude, Jubel, Glück. Äußerlichkeiten vielleicht, aber notwendige. In den Noten steht vieles, aber nicht alles.

Bemerkenswert die Konsequenz, mit der Hannelotte Pardall ihre Gestaltungsabsicht verwirklicht. Der Chor, dem sie einiges zumuten kann - von fast schwindelerregender Virtuosität etwa die Baß-Sequenz "et iterum venturus est" - das Neue Saarländische Kammerorchester und die Solisten waren fest eingebunden in ihre klare Konzeption, die in sich stimmte.

Daß sie sich von der Georg Grüns unterscheidet, dem wir die letzte Saarbrücker h-Moll-Messe verdanken, muß man begrüßen. Bach ist nicht so arm, als daß er sich einseitig deuten ließe.

Auch die Vokalsolisten waren weit davon entfernt, Extremen die Ehre zu geben. Vom Belcanto-Ton hielten Christa Muckenheim (Sopran), Markus Brutscher (Tenor) und Jürgen Linn (Baß) deutlichen Abstand, und die Altistin Ulla Groenewold (Agnus Dei) legte noch ein hohes Maß an Innerlichkeit zu. Starke zwei Stunden dauert Bachs (pausenlose) h-Moll-Messe. Keine Minute möchte man missen, jedenfalls nicht bei einer so überzeugenden Interpretation.

Horst-Dieter Veeck




Chor Pardall mit Bachs h-Moll-Messe

Der saarländische Chor Pardall und das Neue Saarländische Kammerorchester waren am Samstag zu Gast in einer gut gefüllten Alexanderskirche. Zusammen mit einzelnen Instrumentalisten und Solisten wurde Johann Sebastian Bachs berühmte "Messe in h-Moll" aufgeführt, die zu den größten geistlichen Werken des protestantischen Komponisten zählt. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts wurde die "h-Moll-Messe", bestehend aus vier eigenen Kompositionen, der Kunstwelt als "größtes musikalisches Kunstwerk aller Zeiten und Völker" gepriesen. Das Bild zeigt den Chor Pardall unter der Leitung von Hannelotte Pardall beim ersten Teil der Messe, der Missa. (jo / Foto: Steinmetz)




live-Mitschnitt: Et incarnatus est